Interior Designerinnen auf der Baustelle: Warum Argumente oft nichts nützen – und was stattdessen wirkt

Ein Beitrag für Interior Designerinnen, die auf Baustellen die Nerven behalten wollen

Du stehst auf der Baustelle, hast die Planung bis ins Detail ausgearbeitet, weißt genau, warum die Leuchte an dieser Stelle sitzen muss und nicht zehn Zentimeter weiter links – und der Elektriker schaut dich an, als hättest du gerade erklärt, warum der Mond aus Käse besteht. Er dreht sich um, sagt irgendetwas von „haben wir immer so gemacht" und macht weiter wie bisher.

Klingt bekannt? Dann bist du nicht allein. Und vor allem: Es liegt nicht daran, dass du falsch liegst. Es liegt daran, dass du auf der falschen Kommunikationsebene spielst.

Ich bin durch ein Buch auf eine Erklärung gestoßen, die mich ehrlich gesagt ein bisschen fassungslos gemacht hat – weil sie so präzise auf unseren Alltag als Designerinnen auf Baustellen passt. Das Buch heißt „Mit Ignoranten sprechen" von Peter Modler – und ich möchte gleich sagen: Der Titel hat nichts mit Handwerkern zu tun! Modler schrieb das Buch ursprünglich über politische Rhetorik und Unternehmenskommunikation – Trump gegen Clinton, Vorstandsvorsitzende gegen Abteilungsleiter. Mit „Ignorant" meint er schlicht einen Menschen, der in einem bestimmten Kommunikationsstil unterwegs ist, der Argumente strukturell ignoriert – nicht weil er unintelligent wäre, sondern weil Argumente in seinem System schlicht keine entscheidende Rolle spielen.
Genau dieses System trifft man auf Baustellen regelmäßig an.

Zwei Welten, die aneinander vorbeireden

Modler unterscheidet zwei grundlegende Kommunikationsstile: den horizontalen und den vertikalen.

Horizontale Kommunikation dreht sich um Inhalte. Du bringst Argumente, erklärst Zusammenhänge, zeigst Alternativen auf und gehst davon aus, dass dein Gegenüber das sachlich bewertet. Wer besser informiert ist, setzt sich durch. Klingt vernünftig – und ist genau das, was uns meist im Laufe des Lebens beigebracht wurde.

Vertikale Kommunikation funktioniert völlig anders. Hier geht es nicht um Inhalte, sondern um Rang und Raum. Wer steht wo? Wer spricht wie laut? Wer macht den ersten Schritt, und wer weicht zurück? Diese Menschen kommunizieren nicht über Argumente, sondern über Signale – und zwar meistens so selbstverständlich und unbewusst, dass sie gar nicht merken, dass sie es tun.

Auf einer Baustelle triffst du fast ausschließlich auf vertikale Kommunikation. Das ist keine Kritik an Handwerkern – es ist die Kultur dieses maskulinen Arbeitsumfeldes. Hierarchien werden körperlich ausgehandelt, Autorität wird demonstriert, nicht begründet. In diesem System wirkt eine Designerin, die mit Planungsunterlagen ankommt und erklärt, warum etwas aus ästhetischen und funktionalen Gründen so und nicht anders sein sollte, schlicht nicht als Autoritätsperson. Sie wirkt als jemand, der Arbeit macht – im Sinne von: zusätzliche Arbeit verursacht.

Das Problem mit deinen Argumenten

Modler beschreibt drei Kommunikationsebenen, die aufeinander aufbauen: High Talk (Argumente und Sachlichkeit), Basic Talk (kurze, formelhafte Aussagen ohne Begründung) und Move Talk (Körpersprache, Raumverhalten, nonverbale Dominanzsignale).

Das Entscheidende ist: Diese drei Ebenen sind keine gleichwertigen Optionen, zwischen denen man frei wählen kann. Sie funktionieren wie eine Hierarchie. Wer auf einer höheren Ebene antwortet, verliert. Konkret bedeutet das: Wenn jemand mit Basic Talk oder Move Talk kommuniziert – also mit einem knappen „Das geht nicht" oder einem demonstrativen Wegdrehen – und du antwortest mit einer ausführlichen sachlichen Erklärung, dann hast du kommunikativ bereits verloren. Nicht weil dein Argument falsch ist, sondern weil du die Spielregeln nicht anerkennst, nach denen dein Gegenüber gerade spielt.

Wir neigen dazu, in solchen Momenten noch mehr zu erklären. Noch ein Detail, noch ein Grund, noch eine freundliche Umformulierung. Modler nennt das den „Schiffbruch der Argumente" – und er meint das buchstäblich.

Was du stattdessen tun kannst

Das Gute an Modlers Ansatz ist, dass er keine Persönlichkeitsveränderung fordert. Es ist eine Frage der Technik – und Technik kann man lernen.

1. Weniger erklären, mehr festlegen.
Auf einer Baustelle zählt Haltung mehr als Begründung. Wenn du sagst „Die Leuchte kommt hier hin", ist das eine andere Aussage als „Die Leuchte sollte hier hinkommen, weil die Lichtplanung sonst nicht aufgeht und der Auftraggeber explizit diesen Effekt gewünscht hat." Die zweite Version klingt begründeter – wirkt aber schwächer, weil sie Zustimmungsbedarf signalisiert. Kurze, klare Sätze ohne angehängte Rechtfertigungen kommunizieren Sicherheit.

2. Körpersprache und Raum bewusst einsetzen.
Move Talk passiert ständig, ob du willst oder nicht. Die Frage ist nur, ob du ihn aktiv gestaltest oder passiv geschehen lässt. Wer auf der Baustelle ankommt, als würde er oder sie dazu gehören – zielstrebiger Gang, direkter Blickkontakt, kein entschuldigendes Lächeln beim Ansprechen –, wird anders wahrgenommen als jemand, der sich vorsichtig vorarbeitet. Das ist keine Frage der Lautstärke oder Aggression, sondern der Präsenz.

3. Die richtige Ebene finden – und halten.
Wenn ein Handwerker auf Basic Talk wechselt – also kurze, abweisende Antworten gibt, ohne auf den Inhalt einzugehen – dann ist es oft sinnvoller, auf derselben Ebene zu bleiben, statt in ausführliche Erklärungen zu gehen. Ein ruhiges, bestimmtes „Das ändern wir trotzdem" ist in diesem Moment wirkungsvoller als eine dreisätzige Begründung.

4. Die Zuständigkeit klar benennen – einmal, nicht mehrmals.
Ein Satz, der auf Baustellen erstaunlich gut funktioniert: „Ich bin für die Planung verantwortlich, du für die Ausführung. Das hier ist meine Entscheidung." Keine Entschuldigung, keine Weichmacher, kein „Ich wäre eigentlich dafür, dass...". Zuständigkeiten sind auf Baustellen eine anerkannte Kategorie – sie wirken deshalb auch auf der vertikalen Ebene.

5. Nicht jede Reaktion muss eine Antwort sein.
Manchmal ist Schweigen die stärkste Reaktion. Wenn jemand etwas ablehnt oder eine Aussage in den Raum stellt, die darauf ausgelegt ist, dich aus dem Konzept zu bringen, muss nicht sofort erwidert werden. Eine kurze Pause, ein ruhiger Blick, dann weiter im Plan – das wirkt auf der Move-Talk-Ebene deutlich stärker als jede inhaltliche Erwiderung.

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Satz-Toolbox: Formulierungen zum Einprägen

Manchmal hilft es, ein paar Sätze wirklich auswendig zu kennen – für den Moment, in dem der Kopf leer wird und man trotzdem klar klingen muss.
Diese Formulierungen operieren bewusst auf der Basic-Talk-Ebene: kurz, ohne Rechtfertigung, ohne Zustimmungsbedarf.

Wenn etwas abgelehnt oder umgangen wird:

  • „Das bleibt so."
  • „Bitte wie geplant ausführen."
  • „Das ist nicht verhandelbar."

Wenn die eigene Zuständigkeit in Frage gestellt wird:

  • „Ich bin die Designerin."
  • „Die Entscheidung liegt bei mir."
  • „Das kläre ich – nicht jemand anderes."

Wenn man Zeit braucht, ohne Schwäche zu zeigen:

  • „Ich schaue mir das an und melde mich."
  • „Dazu sage ich gleich etwas."
  • „Moment." (Pause. Dann ruhig weiterreden.)

Wenn ein Mangel relativiert wird:

  • „Das möchte ich so haben. Bitte nacharbeiten."
  • „Ich brauche das so ausgeführt, wie in der Planung."

Der Ton bei all diesen Sätzen ist ruhig, nicht aggressiv — aber er lässt keinen Interpretationsspielraum.
Genau das ist der Unterschied zu höflichen Formulierungen, die unbewusst Zustimmung einfordern.

Was das nicht bedeutet

Es geht nicht darum, grob zu werden, zu dominieren oder die eigene Persönlichkeit zu verleugnen.
Modler betont ausdrücklich, dass keiner der Kommunikationsstile per se besser oder schlechter ist – sie sind für unterschiedliche Kontexte gemacht. Das Problem entsteht dann, wenn wir ausschließlich auf einer Ebene bleiben, auch wenn der Kontext etwas anderes verlangt.

Als Interior Designerin bist du in deiner Welt eine Expertin. Auf der Baustelle bist du zunächst eine Fremde in einem System mit anderen Regeln.
Das anzuerkennen ist keine Niederlage – es ist der erste Schritt, um wirksam zu sein.

Meine persönliche Erfahrung damit

Ich selbst habe mir über die Jahre ein Netzwerk aus Handwerkern aufgebaut, mit denen ich sehr gut horizontal kommunizieren kann – weil ich das mehr mag, und weil man so etwas natürlich auch etablieren kann. Die genannten Kommunikations-Werkzeuge benutze ich eigentlich nur noch dann, wenn ich es mit unbekannten Handwerkern zu tun habe — in Situationen, in denen der gegenseitige Respekt noch nicht gewachsen ist und ich ihn erst etablieren darf.

Die Quintessenz aus diesem Wissen: Ich bringe keinen Kaffee und Kuchen mehr mit auf die Baustelle, um die Stimmung zu glätten oder Widerstände zu beschwichtigen. Wenn ich heute etwas mitbringe, dann aus echtem Dank — für hervorragende Arbeit, für reibungslose Kommunikation, für ein Projekt, das gut gelaufen ist. Das ist ein himmelweiter Unterschied, und ich wünsche dir, dass es dir bald ebenso wie mir ergeht.

Zum Weiterlesen

Wenn dich das Thema genauer interessiert: Peter Modlers Buch „Mit Ignoranten sprechen – Wer nur argumentiert, verliert" (Campus Verlag, 2019) ist sehr gut lesbar und bietet weit mehr Tiefe als dieser Beitrag abbilden kann.
Es ist kein Buch über Baustellen – aber es ist ein Buch über genau die Kommunikationsdynamiken, die auf Baustellen täglich passieren.

Hast du eigene Erfahrungen mit solchen Situationen gemacht – oder Strategien, die bei dir funktionieren? Ich freue mich über Kommentare und Austausch.

Katja A. Marocke ist Interior Designerin seit 1992 und Mitgründerin der Interior Designers Academy. Sie begleitet Frauen dabei, ein Interior-Design-Business aufzubauen, das sie trägt – finanziell, persönlich und emotional.