Raus aus der Krise, Teil 1: Der Markt hat sich verändert
Seit ungefähr einem Jahr passiert etwas, das ich aus den Jahren davor so nicht kannte: Ich bekomme keine Anfragen mehr aus Haushalten, die gut verdienen, ihr Geld aber trotzdem im Blick behalten.
Früher waren darunter beispielsweise 'normale' leitende Angestellte, die ihr Eigenheim nach ihren geänderten Bedürfnissen überarbeiten wollten, nachdem die Kinder ausgezogen waren. Junge Familien mit dem ersten eigenen Haus. Oder Menschen um die 40, die nun, ich nenne es mal, jetzt „erwachsen“ wohnen wollten.
Diese Anfragen sind bei mir komplett auf null gegangen.
Nun muss ich das allerdings relativierend einordnen: Meine eigene Spezialisierung ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden. Je mehr ich das tatsächlich gelebt und nach außen gezeigt habe, desto stärker kamen meine Anfragen genau aus diesem Segment. Dort verzeichne ich bis heute keinen Einbruch. Es ist also durchaus möglich, dass die anderen Anfragen auch deshalb ausbleiben, weil sich meine Außenwirkung verändert hat.
Ich sehe allerdings gleichzeitig, was bei meinen Frauen (aus dem Mentoring) passiert. Interior Designerinnen, bei denen nach außen nicht sofort klar ist, wofür genau sie stehen und wen sie erreichen wollen, berichten seit einem halben bis dreiviertel Jahr teilweise davon, überhaupt keine Auftragsanfragen mehr zu erhalten.
Das ist natürlich keine allgemeingültige Marktstudie. Es ist das Bild, das sich mir gerade aus meiner eigenen Arbeit und aus den Erfahrungen innerhalb der IDA zeigt. Ich halte es aber für deutlich genug, um genauer hinzusehen.
Die Stimmung hat sich verändert
Der erste große Bruch kam mit Corona. Für unsere Branche folgte daraus zunächst sogar ein ziemlicher Aufschwung. Die Menschen waren plötzlich sehr viel zu Hause, beschäftigten sich mit ihren Räumen und waren bereit, dort zu investieren.
Dieses Hoch hielt jdoch nicht lange an.
Deutschland erlebte 2023 und 2024 zwei Rezessionsjahre. Im Jahr 2025 wuchs die Wirtschaft gerade einmal um 0,2 Prozent. Also eigentlich auch nicht. Anfang 2026 zeigte sich zwar eine leichte Erholung, von einem entspannten wirtschaftlichen Umfeld kann trotzdem keine Rede sein. Der Arbeitsmarkt steht unter Druck.
Hinzu kommen geopolitische Konflikte, schwankende Energiepreise und eine allgemeine Unsicherheit darüber, was wirtschaftlich als Nächstes passiert.
All diese Entwicklungen lassen sich anhand aktueller Zahlen nachvollziehen. Entscheidend für unsere Branche ist allerdings, was sie mit den Menschen machen, die eigentlich früher unsere Leistungen gebucht haben.
Das Konsumklima liegt weiterhin auf einem sehr niedrigen Niveau. Die Einkommenserwartungen sind wieder gesunken, die Sparneigung ist gestiegen und die Bereitschaft zu größeren Anschaffungen bleibt verhalten. In dieser Erhebung werden Möbel ausdrücklich als Beispiel für solche größeren Anschaffungen genannt.
Und wer gerade nicht weiß, wie sicher der eigene Arbeitsplatz in einem Jahr noch ist, überlegt sich vermutlich sehr genau, ob jetzt der richtige Moment für die umfassende Neugestaltung des eigenen Hauses gekommen ist.
Interior Design war schon immer ein Nice-to-have
Natürlich ist Interior Design im privaten Bereich keine lebensnotwendige Ausgabe. Das war es auch vor fünf Jahren nicht. Trotzdem gab es eine breite Schicht Menschen in der Mitte der Gesellschaft, die es sich geleistet hat, wenn sie es wollte.
Der Wunsch nach einem schöneren, besser funktionierenden oder endlich wirklich passenden Zuhause war da – und das Geld ebenfalls. Also wurde ein gern ein 'Profi' auf dem Gebiet beauftragt.
Heute kann dieser Wunsch nach wie vor vorhanden sein. Innerhalb dessen, was Menschen mit ihrem Geld machen möchten, ist eine umfangreiche Interior-Design-Leistung jedoch weit nach hinten gerückt.
Erst recht, wenn wir über die klassische Form unserer Arbeit sprechen: eine persönliche Begleitung vom ersten Entwurf über sämtliche Entscheidungen bis zur vollständigen Umsetzung.
Dafür braucht ein privater Auftraggeber ein erhebliches frei verfügbares Budget. Außerdem braucht er das Vertrauen, dieses Geld gerade jetzt ausgeben zu können. Und genau dieses Vertrauen fehlt einem Teil der Kundschaft zunehmend.
Wo weiterhin Geld für Interior Design ausgegeben wird
In meinem jetzigen Kundensegment hat sich die Nachfrage bisher nicht erkennbar verändert. Es gibt in Deutschland nach wie vor viele Menschen, die über ein hohes Einkommen, Vermögen oder ein sehr gut laufendes Unternehmen verfügen und sich um die Finanzierung eines Interior-Design-Projektes wenig Gedanken machen müssen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede Interior Designerin nun ausschließlich im High-End-Bereich arbeiten sollte. Es bedeutet zunächst, dass sie sehr genau wissen muss, welche Menschen sie mit ihrem Angebot erreichen möchte und ob diese Menschen die Leistung eben heute noch bezahlen können und wollen.
Auch im B2B-Bereich besteht weiterhin Bedarf. Gewerbliche Objekte werden gebaut, um mit ihnen Geld zu verdienen. Hotels, Restaurants, Praxen, Läden und andere Räume mit Kundenverkehr müssen ausgestattet und am Markt wettbewerbsfähig gehalten werden.
Gleichzeitig merke ich, dass vor allem große Hotelketten bei ihren Bestandsobjekten gern sparen wollen. Häufiger wird überarbeitet, was bereits vorhanden ist, statt vollständig neu zu bauen. Für mich ist das zufälligerweise eine gute Entwicklung, weil genau diese Überarbeitung vorhandener Hotels zu meiner Spezialisierung gehört.
Ich bin deshalb auch in diesem Bereich weiterhin gut gebucht.
Für allein arbeitende Interior Designerinnen könnten nun kleinere, privat geführte Hotels, Pensionen oder Ferienwohnungen interessant sein. Diese Betreiber müssen sich gegenüber ihrem Wettbewerb behaupten, benötigen dafür aber nicht zwangsläufig ein großes Innenarchitekturbüro mit zahlreichen Mitarbeitern.
Oft muss man hier allerdings selbst auf diese Menschen zugehen. Nicht jeder Betreiber erkennt von allein, welches wirtschaftliche Potenzial in einer professionellen Überarbeitung seiner Räume liegt.

Eine Empfehlung aus der früheren Academy braucht heute eine Ergänzung
Ich habe in der Academy über Jahre sinngemäß vermittelt:
Bleib, wie du bist. Zeige nach außen, wer du bist und wie du arbeitest. Dann wirst du genau die Kunden anziehen, die das mögen und deshalb bei dir buchen.
Zu dieser Aussage stehe ich nach wie vor. Aus meiner Erfahrung ziehen wir einfach Menschen aus dem Segment an, das wir selbst ausstrahlen.
Heute würde ich diese Empfehlung trotzdem nicht mehr so stehen lassen.
Vor einigen Jahren konnte eine Interior Designerin mit einem ähnlichen Portfolio wie ich (komplette Begleitung inkl. Umsetzung) auch dann relativ entspannt an Aufträge kommen, wenn sie sich mit ihrem Business nicht besonders intensiv beschäftigt hatte. Man wurde ein bisschen herumempfohlen, bekam darüber neue Kontakte und bot seine Leistungen mehr oder weniger so an, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt hatten.
Unter den damaligen Bedingungen konnte das funktionieren.
Heute braucht es mehr. Du musst wissen, was genau du anbietest, für wen du es anbietest und weshalb diese Menschen gerade dich damit beauftragen sollen. Du brauchst eine Vorstellung davon, wie dein Business wirtschaftlich trägt und wie potenzielle Kunden überhaupt von dir erfahren.
Deine Persönlichkeit und deine Art zu arbeiten prägen ganz wesentlich, welche Kunden sich von dir angesprochen fühlen. Sie ersetzen jedoch kein unternehmerisches Konzept mehr.
Das ist die Korrektur, die ich an meiner früheren Empfehlung vornehme.
Die Krise entscheidet nicht allein über dein Business
Die aktuelle Lage bedeutet keineswegs, dass man als Interior Designerin keine guten Chancen mehr hat. Meine eigene Auftragslage zeigt mir das. Auch innerhalb der Academy sehe ich, dass es weiterhin sehr gut funktioniert, klar zu zeigen, welche Art von Projekten man macht und für wen.
Allerdings funktioniert es nicht mehr, einfach darauf zu warten, dass schon irgendjemand kommen wird.
Der allererste Schritt beginnt deshalb inzwischen noch vor dem ersten Kundenprojekt: Du darfst dich mit deinem Business beschäftigen, wenn du (wirtschaftlich gesehen) davon leben willst.
Bevor wir über Stundensätze, Honorare und den Wert deiner Arbeit sprechen, braucht es eine grundsätzliche Entscheidung:
Willst du dich unter den heutigen Bedingungen am Markt durchsetzen und dein Business noch einmal ganz bewusst aufstellen?
Wenn deine Antwort darauf Ja lautet, hast du weiterhin sehr gute Möglichkeiten. Sie entstehen heute nur wesentlich seltener zufällig.
Im zweiten Teil dieser Reihe geht es deshalb um das, was innerhalb des eigenen Business häufig übersehen wird: die eigene Ausrichtung, Preise, falsche Vergleichsmaßstäbe und all die Leistungen, die Interior Designerinnen erbringen, ohne sie jemals auf eine Rechnung zu setzen.